Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland

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„Hindernis Herkunft“ – „Kein Anschluss mit diesem Abschluss“ - „Entkoppelt vom System“ – „Mehr Vielfalt, weniger Chancen“*


In kaum einem Industrieland hängen Chancen und Bildungserfolg so stark von den Startbedingungen ab wie in Deutschland. Zahlreiche Studien belegen dies.

Wenn Herkunft den Weg in die Zukunft versperrt

Es ist paradox: Obwohl die Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt gut ist und Unternehmen mehr Menschen einstellen, die Arbeitslosenquote gesunken ist, rund 40.000 Lehrstellen sogar nicht besetzt werden können – und die Jugendarbeitslosigkeit mit rund sieben Prozent zu den niedrigsten Quoten in der Europäischen Union gehört, hat Deutschland noch immer mehr als eine halbe Million junger Menschen, die den Sprung von der Schule in die Ausbildung nicht schaffen, die arbeitslos sind oder sich in Maßnahmen des sogenannten Übergangssystems zwischen Schule und Beruf befinden. Dieses System kostet den Staat jährlich 4,3 Milliarden Euro**, die Kosten für Sozialleistungen nicht eingerechnet. Das Problem setzt sich fort: Wer als junger Mensch keine berufliche Ausbildung abschließt, hat als Erwachsener ein viermal höheres Risiko langzeitarbeitslos zu werden.

Neben der Verantwortung für jeden Einzelnen kann es sich Deutschland weder aus volkswirtschaftlicher noch betriebswirtschaftlicher Sicht leisten, auf das Potential der Jugendlichen zu verzichten. Bedingt durch den demografischen Wandel ergeben sich zudem bereits große Fachkräfteengpässe in verschiedensten Branchen***. Gleichzeitig steht Deutschland vor der großen Aufgabe, hunderttausende Flüchtlinge in Gesellschaft und Arbeitsmarkt zu integrieren. Und das so schnell wie möglich. Ohne Obergrenze für Chancengleichheit. Jeder junge Mensch, unabhängig von Herkunft und Startbedingungen, muss die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben haben.

Wir wollen Jugendliche inspirieren, damit sie ihr Potenzial erkennen und die Lücke zwischen ihrer Herkunft und Zukunft schließen können.

„Wow, das kann ich ja doch“, sagt Nadine. Sie hat vier Jahre lang Bewerbungen geschrieben – und viele Absagen bekommen. Angst vor Fehlern und weiteren Misserfolgen entmutigte sie. Mit Unterstützung von JOBLINGE macht sie heute eine Ausbildung zur Bäckereifachverkäuferin.

Die Initiative JOBLINGE schließt die Lücke zwischen Herkunft und Zukunft: für Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund sowie für junge Flüchtlinge. Das klassische JOBLINGE Programm und JOBLINGE Kompass, das neue Programm für Flüchtlinge zielen darauf ab, die Teilnehmer in Ausbildung und Arbeit zu vermitteln.

Wir mobilisieren die stärksten gesellschaftlichen Kräfte, um jungen Menschen Chancengleicheit auf dem Arbeitsmarkt zu ermöglichen.

Dafür bündelt JOBLINGE die Kompetenzen aus Wirtschaft, Staat und Zivilgesellschaft und schafft so eine Basis für eine koordinierte Zusammenarbeit. Zielgruppe beider JOBLINGE Programme sind junge Menschen, die aus eigener Kraft keine Ausbildung oder Arbeit finden.

Im klassischen Programm sind es Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren, die oft den Stempel „unvermittelbar“ tragen, die aus schwierigen sozialen Verhältnissen stammen, kaum Vorbilder oder schulische Erfolgserlebnisse kennen oder aus Familien stammen, die ihre Kinder aus finanziellen oder sprachlichen Gründen nicht fördern können. Seit Jahren sind unter den Teilnehmern des JOBLINGE-Programms bereits rund zehn Prozent Flüchtlinge, die schon einen anerkannten Asylstatus haben – wie Ilias.

„Ich kann mir kein Leben aufbauen, wenn ich morgens nicht weiß, ob ich abends noch lebe“, sagt Ilias. Er ist 20, als er aus dem Irak, seiner Heimat, flieht. Mit Unterstützung von JOBLINGE macht er heute eine Ausbildung zum Fachinformatiker in Deutschland.

Mit JOBLINGE Kompass unterstützt die Initiative seit 2016 gezielt junge Geflüchtete zwischen 18 und 25 Jahren. Sie sollen möglichst früh nach der Einreise nach Deutschland am Programm teilnehmen. Der Fokus liegt auf Personen mit einer hohen Bleibewahrscheinlichkeit (derzeit vor allem aus den Ländern Syrer, Iraker, Iraner und Eritreer) oder einer Aufenthaltserlaubnis, mit niedrigem bis mittlerem Qualifikationsniveau. (weder Hochqualifizierte noch Analphabeten)****. Damit möchte JOBLINGE die altersmäßig größte Gruppe junger Flüchtlinge unterstützen, die nicht mehr durch das Jugendamt und engmaschige Angebote betreut werden, aber aufgrund ihrer geringeren Qualifikation und Sprachkenntnisse besondere Unterstützung brauchen.

Ziel des JOBLINGE Kompass Programms ist die höchstmögliche Qualifikation, mit der Vermittlung der Teilnehmer in einem ersten Schritt zunächst in Arbeit– und danach erst in Ausbildung..

Die Teilnehmer sind zwar extrem motiviert zu arbeiten, jedoch ist es nicht realistisch, ohne die erforderlichen Sprach- und Schulkenntnisse nach nur sechs Monaten – wie beim klassischen JOBLINGE-Programm – eine Ausbildung im dualen deutschen System zu beginnen. Arbeitsbereitschaft und die Fähigkeit, eine Berufsausbildung zu beginnen, sind nicht das Gleiche. Mit einer Arbeit im ersten Schritt können die Teilnehmer jedoch schnell Geld verdienen – um beispielsweise Schulden, die sie während der Flucht aufgenommen haben, zurückzuzahlen oder Familienangehörige im Heimatland zu unterstützen. Zeitgleich sind sie bereits fest in den Betrieb und Kollegenkreis integriert und erhalten die Möglichkeit, ihre Deutschkenntnisse zu vertiefen.

Im gemeinsamen Engagement schafft JOBLINGE Perspektiven: durch professionelle Berufsorientierung, passgenaue Qualifizierung (bei Kompass auch sprachliche Qualifizierung) Aktivierung über Kultur- und Sportprogramme, Gruppenprojekte, echte Jobchancen in Partnerunternehmen und letztlich die Befähigung, für sein Leben selbst die Verantwortung zu übernehmen.

„Unsere Arbeit ist erfolgreich, wenn wir die Teilnehmer vor Hürden stellen – und sie nehmen die Hürden, sie ziehen die Sachen durch. Sie fokussieren sich nicht auf Probleme, sondern auf die Lösungen. Erst dann funktioniert es. Wir unterstützen sie, mit dem Ziel der Selbständigkeit.“ (Kadim Tas, Vorstand)

Im Zentrum des Konzepts steht die Praxis: Die Teilnehmer werden selbst in die Verantwortung genommen. Sie erfahren viel Vertrauen und Unvoreingenommenheit – und zugleich anspruchsvolle Zielsetzungen.

Im klassischen Programm gelingt den Jugendlichen so nach nur sechs Monaten eine große persönliche Entwicklung. Unterstützt von einem starken Netzwerk aus öffentlicher Hand, Unternehmen, Mentoren und hauptamtlichen Mitarbeitern, aber vor allem aus eigener Kraft „erarbeiten“ sich die Teilnehmer ihren Ausbildungs- oder Arbeitsplatz.

JOBLINGE Kompass baut auf den Erfolgselementen des regulären, bewährten Programms auf, ist aber aufgrund der nötigen zusätzlichen Sprachqualifizierung auch mit Blick auf die Anforderungen der Berufsschulen während der späteren Ausbildung auf einen längeren Zeitraum von 12-18 Monaten angelegt.

„Wir sind Sozialunternehmer. Ziel ist, so viele junge Menschen wie möglich zu vermitteln. Wir sehen keinen Widerspruch darin, dass wir eine Vermittlungsquote haben und gleichzeitig ein Interesse, uns um Menschen zu kümmern. Unsere Vermittlung ist die Betreuung. Welche menschlichere Form der Fürsorge gibt es denn als eine nachhaltige Integration in ungeförderte Ausbildung für alle unseren Jugendlichen. Und damit den Weg in Qualifikation und Selbstbestimmung?“ (Ulrike Garanin, Vorstand)

Als unternehmerische Initiative lässt sich JOBLINGE an den Erfolgen der Jugendlichen und Nachhaltigkeit der Vermittlung messen. Ausbildung und Arbeit sind nicht nur die Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben, sondern sie ermöglichen gesellschaftliche Teilhabe.

Die vier Säulen des JOBLINGE-Konzepts:

Praxis von Tag 1 an

Die Jugendlichen sind während des gesamten JOBLINGE-Programms praktisch tätig. Dabei werden sie stufenweise auf den betrieblichen Alltag vorbereitet – zunächst im „geschützten Raum“ der JOBLINGE-Standorte, dann über eng betreute Praktikumseinsätze in Partnerunternehmen. Hinter dem Bewerbungspraktikum am Ende des Programms steht der greifbare Ausbildungs- oder Arbeitsplatz bei dem Unternehmen. Die Teilnehmer können sich ihre Ausbildung aus eigener Kraft „erarbeiten“.

1:1-Betreuung und individuelle Förderung

Unsere Zielgruppe braucht aufgrund schwieriger Ausgangsvoraussetzungen individuelle Unterstützung, um im betrieblichen Alltag zu bestehen. Neben dem intensiven Einzelcoaching durch die hauptamtlichen Mitarbeiter wird jeder Teilnehmer auf seinem Weg von einem ehrenamtlichen, persönlichen Mentor begleitet. Dieser ist Vorbild und Vertrauensperson, die während der gesamten sechs Monate für „seinen Jobling“ da ist und ihn in den einzelnen Phasen bestärkt. Darüber hinaus ist er auch „Krisenmanager“: Er trägt dazu bei, dass es trotz der im Laufe des Programms fast immer auftretenden Schwierigkeiten nicht zum Abbruch kommt. Der Mentor bringt Berufs- und Lebenserfahrung mit, wird in professionellen Trainings auf seine Aufgabe vorbereitet und während des Ehrenamts eng von uns begleitet.

Gebündeltes gesellschaftliches Engagement

Von zentraler Bedeutung für den JOBLINGE-Ansatz ist die Bündelung der gesellschaftlichen Kompetenzen. Die beiden Kernelemente des Programms, Praxis von Tag 1 an und die 1:1-Betreuung, und damit die Erfolge für die Jugendlichen sind nur realisierbar durch die enge Einbindung von engagierten Partnerunternehmen, den ehrenamtlichen Einsatz von Privatpersonen sowie die enge Zusammenarbeit mit den lokalen öffentlichen Einrichtungen, insbesondere der Bundesagentur für Arbeit und den Jobcentern. Diese sind nicht nur wichtige Förderer, sondern an allen Standorten die wichtigsten Partner für die Rekrutierung der Teilnehmer. Das gemeinsame Engagement spiegelt sich auch in der Finanzierung der Initiative wider, ermöglicht durch die öffentliche Hand und private Spender.

Unternehmerischer Ansatz

Wir möchten mit JOBLINGE möglichst viele junge Menschen erreichen – und sind davon überzeugt, dass dies dann gelingt, wenn wir den vielen, ganz unterschiedlichen Akteuren und Kräften der Initiative einen klar definierten Rahmen bieten. Als "Sozialunternehmen", als Social Entrepreneur, will JOBLINGE nicht die monetäre, sondern die soziale Rendite maximieren. Für jeden Unternehmer ist der effiziente Ressourceneinsatz ein Gebot der Vernunft – für JOBLINGE ist es auch ein moralisches: unsere Ressourcen sind ausschließlich öffentliche Fördergelder, private Spenden und ehrenamtliche Zeit oder Expertise. Würden wir diese nicht so effizient wie möglich für unser soziales Ziel einsetzen, würden wir nicht nur das Vertrauen unserer Teilnehmer, sondern auch das unserer Partner enttäuschen. Daher arbeitet JOBLINGE an allen Standorten mit einheitlichen Prozessen, Standards und Tools, berichtet transparent über die Ergebnisse und setzt das gemeinsame Konzept in Form eines Social-Franchise-Systems um, so dass den Beteiligten überall, wo JOBLINGE aktiv ist, die gleiche Erfahrung ermöglicht wird. Als Initiative sind wir überzeugt, dass die klare unternehmerische Zielorientierung uns gerade im sozialen Arbeiten hilft. Sie ist Richtschnur, wenn es gilt, den Fokus für die beste Unterstützung der Jugendlichen zu halten – zum Beispiel bei der Gestaltung von Kooperationen und Zusatzangeboten – und sie leitet uns, wenn es gilt Risiken einzugehen. Vor allem aber überträgt sich diese Haltung auch auf die Teilnehmer.

 

 

* „Große Vielfalt, weniger Chancen“. Ergebnisse des Forschungsprojekts „Bildung, Milieu & Migration“ der Abteilung für Bildungsforschung und Bildungsmanagement an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Gefördert von der Stiftung Mercator und der Vodafone Stiftung Deutschland. März 2015
** Klemm, Klaus: Was kostet eine Ausbildungsgarantie in Deutschland?, Bertelsmann Stiftung, 2012
*** Fachkräfteengpassanalyse. Bundesagentur für Arbeit Statistik/Arbeitsmarktberichterstattung. Veröffentlichung Juli 2016
**** Auf Grund der bestehenden Berufsschulpflicht bis zum Alter von 21 in Bayern wird der Fokus auf junge Erwachsene zwischen 21 und 25 Jahren liegen.

Auf einen Blick: Daten und Fakten zur Initiative


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