Unser Motto: Widerstände mutig weiterdenken.

Um die JOBLINGE Vision zu erreichen und die Mission umzusetzen, verfolgen wir verschiedene Stoßrichtungen und Themen, die die Initiative für die Zukunft rüsten und voranbringen. Doch die Vision reicht über JOBLINGE hinaus. Was sind die Erfahrungen aus zehn Jahren und wo geht es hin? Ein Gespräch mit Ulrike Garanin und Kadim Tas, den beiden Vorständen der Dachorganisation.

2018 ist das große Jubiläumsjahr für JOBLINGE. Was genau verbirgt sich hinter dem Motto „Widerstände.Mutig. Weiterdenken.“?
Ulrike Garanin: Als wir JOBLINGE vor zehn Jahren ins Leben gerufen haben, waren wir entschlossen, nicht zu akzeptieren, dass es Jugendliche gibt, deren Zukunft verbaut scheint, bevor sie begonnen hat. Dass es Jugendliche gibt, die in die Kategorie „langzeitarbeitslos“ fallen, ohne je gearbeitet zu haben. Und deren Chancen, über die etablierten Berufsvorbereitungsprogramme in eine Ausbildung integriert zu werden, verschwindend gering sind. Das mag man mutig finden – es war wohl eher idealistisch. Ich hatte damals geglaubt, den Mut würden die Jugendlichen brauchen. Mut, wieder an sich selbst zu glauben und an sich zu arbeiten. Mut, die eigene Zukunft in die Hand zu nehmen. Tatsächlich haben unsere Teilnehmer diesen Mut fast alle – er wird ihnen nur an so vielen Stellen abgenommen. Und genau darum geht es uns mit unserem Motto: darum, gemeinsam mit allen Akteuren diese Stellen auszuleuchten und gemeinsam herauszuarbeiten, welche Veränderungen nötig sind. Zu ergründen, wo unser System nicht funktioniert, wenn junge Menschen – die zumindest nach unseren Erfahrungen sehr wohl und zu über 70 Prozent in der Lage sind, sich eine Ausbildung zu erarbeiten – zu 100 Prozent scheitern.

 
   Unsere Vision: 
Unsere Vision: Eine Welt, in der JOBLINGE überflüssig wird, weil junge Menschen ihre Zukunft ohne die Hürden der Herkunft aufbauen             können.
 

   Unsere Mission: JOBLINGE denkt Widerstände mutig weiter, indem es

  • junge Menschen – unabhängig von ihrer Herkunft – befähigt, ihr Potenzial zu erkennen und sich ihren Ausbildungs- oder Arbeitsplatz selbst zu erarbeiten,
  • neue Wege für den Erfolg der Jugendlichen wagt und sich an der Wirksamkeit messen lässt,
  • dafür die stärksten gesellschaftlichen Kräfte aus Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft bündelt.
     

Können Sie ein Beispiel nennen, das Sie geprägt hat?
Ulrike Garanin: Ich will ein Beispiel aus den Anfängen rausgreifen: Vor zehn Jahren haben wir in der Konzepterstellungsphase Fokusgruppen mit Jugendlichen unserer Zielgruppe durchgeführt. Ein Jugendlicher, der unser Konzept in Summe gut fand, hat mich gefragt, was wir ihm denn zahlen würden, damit er am Programm teilnimmt. So abwegig das klingen mag, tatsächlich wurde ihm diese Erwartung zuvor beigebracht. Er bekommt ein Taschengeld, damit er morgens bei seiner Berufsvorbereitungsmaßnahme erscheint und die Anwesenheitsliste unterschreibt – schließlich ist das für den Bildungsträger eine Voraussetzung für den Erhalt der Fördergelder.

Wir sind damals mutig gewesen und haben uns getraut, eine Hürde vor das Programm zu setzen: eine gemeinnützige Projektarbeit. Zwei bis drei Tage, an denen wir die Teilnehmer dazu einladen, gemeinsam mit uns für eine lokale Einrichtung wie den Zoo, ein Kinderheim oder Naturschutzgebiet ehrenamtlich tätig zu sein.


Das klingt aus Teilnehmersicht erst einmal nicht besonders reizvoll …
Ulrike Garanin: Experten haben uns sogar prophezeit, dass wir ohne Teilnehmer dastehen werden. Das Gegenteil war der Fall: Die Jugendlichen haben sich darauf eingelassen und sich bewusst für JOBLINGE entschieden. Bis heute sind unsere Teilnehmer stolz darauf, durch ihren Einsatz in das Programm aufgenommen zu werden (wobei betont werden muss, dass uns die Jugendlichen durch das Jobcenter zugewiesen werden und wir keine Auswahl treffen dürfen und wollen, es ist also mehr ein pädagogischer Trick). Und genau das – selber Verantwortung zu übernehmen, sich Unterstützung und den nächsten Schritt zu „erarbeiten“, nicht passiver Hilfsempfänger, sondern aktiv Leistender zu werden – ist der größ- te und notwendige Entwicklungsschritt, den die Jugendlichen machen müssen. Wir fordern das vom ersten Tag an und erhöhen die Hürden sukzessive – immer mit dem Ziel, die Teilnehmer auf die Anforderungen des betrieblichen Ausbildungsalltags vorzubereiten.

Kadim Tas: Es geht hierbei auch stark um die Haltung: im Team, mit den Jugendlichen und als unternehmerische Initiative. Aber auch um den didaktischen Aufbau des Programms und die pädagogische Herangehensweise bei Workshops und Trainings, bei all unseren Programmelementen. Wie erreichen wir die Teilnehmer, wie aktivieren wir sie, wie stoßen wir Veränderungen in ihnen an oder wie arbeiten wir auch mit unseren Netzwerkpartnern? Es geht darum, genau die Balance zu finden zwischen Unterstützung und dem Impuls, die Verantwortung für die Teilnehmer zu übernehmen und sie fast zu entmündigen. Unsere Teilnehmer dürfen nie zu Konsumenten eines Programms werden, sondern wir müssen sie so fordern, konfrontieren, motivieren und aktivieren, dass sie selbst dazu beitragen, sich etwas zutrauen, sich reinknien müssen, aber auch wissen, sie sind nicht allein. All das versuchen wir so greifbar wie möglich zu machen, um auch Reformimpulse für die Pädagogik im Übergangssystem zu geben.

 

 

Wenn wir dieses sogenannte Übergangssystem „weiterdenken“, wie könnte das aussehen?
 
Kadim Tas: Neben der Haltung und inhaltlichen Impulsen geht es uns auch um neue strukturelle Ansätze zum Beispiel bei der Pädagogik und Förderlogik im Übergangssystem. Wie gerade schon kurz erwähnt, dominiert derzeit der Finanzierungsansatz, Jugendliche möglichst lange in Programmen zu halten, da Träger die Kosten pro Teilnehmer pro Monat erstattet bekommen. Wo bleibt da der Anreiz, Jugendliche aus dem System zu entlassen? Daher plädieren wir für eine erfolgsabhängige Förderung, die die Kosten für eine nachhaltige Vermittlung honoriert. Das spart nicht nur Kosten, es ist wesentlich effektiver, transparenter und würde den Teufelskreis durchbrechen, Teilnehmer von einer Maßnahme in die nächste zu schieben, anstatt alles auf die erfolgreiche Vermittlung zu setzen.

Ulrike Garanin: Wenn wir ein solches Modell der erfolgsabhängigen Förderung mit der öffentlichen Hand etablieren, wäre dies nicht nur für JOBLINGE eine Riesenchance, sondern auch für viele andere Initiativen, die über innovative Ansätze soziale Probleme lösen wollen. Mit einer solchen erfolgsabhängigen Förderlogik hätten wir viel mehr Sicherheit als Sozialunternehmer und könnten uns stärker auf die Arbeit mit den Jugendlichen konzentrieren und müssten uns weniger um die Sicherung der Finanzierung sorgen. Wenn wir die Jugendlichen beispielsweise schon nach vier statt sechs Monaten in die Ausbildung vermitteln, fehlen uns zwei Monate an Fördergeldern. Wir würden uns immer wieder für das Risiko und den Erfolg der Teilnehmer entscheiden.


Widerstände mutig weiterdenken“ umfasst demnach ein breites Spektrum an Themen und Akteuren. Welche Rolle spielen Unternehmen dabei?
Kadim Tas: In den vergangenen zehn Jahren hat der Arbeitsmarkt verschiedene Entwicklungen erlebt. Als wir mit JOBLINGE gestartet sind, waren Ausbildungspakt und Ausbildungsplatzgarantie große Themen, heute beschäftigen wir uns mit dem Fachkräftemangel und den Auswirkungen der Digitalisierung. Auch die Unternehmen haben sich verändert und werden sich auch weiterhin mit verändern und entwickeln. Was wir erleben, ist ein großes Bewusstsein: Unternehmen werden nicht nur in die Verantwortung genommen, sondern wollen auch Verantwortung übernehmen. Vielfalt, Integration, Inklusion – hier hat sich wahnsinnig viel getan. Auch das Bewusstsein für unsere Zielgruppe ist ein anderes: Arbeitgeber öffnen sich und lassen sich darauf ein, Talente und Kompetenzen außerhalb von Schulnoten zu finden. Diesen Mut zeigt übrigens auch jeder Ausbilder oder ehrenamtliche Mentor aus dem Unternehmen, sich mit JOBLINGE auf neue Wege einzulassen und nicht selten auch die eigenen Grenzen zu erweitern.
 

Bei Fragen senden Sie bitte eine E-Mail an 10jahre@joblinge.de.