10 Jahre - 10 Thesen

Zehn Jahre JOBLINGE: Unser Jubiläum haben wir zum Anlass genommen, unsere Erkenntnisse des vergangenen Jahrzehnts in zehn Thesen zusammenzufassen. Mit diesen Standpunkten möchten wir resümieren, aber auch in die Zukunft blicken.

Wir möchten gemeinsam ergründen, wo unser System nicht funktioniert, wenn Jugendliche – die zumindest nach unseren Erfahrungen sehr wohl und zu über 70 Prozent in der Lage sind, sich eine Ausbildung zu erarbeiten –  zu 100 Prozent scheitern. Unter dem Motto „10 Jahre – 10 Thesen“ möchten wir den Diskurs dort erhalten, wo er schon im Gang ist, und wecken, wo er noch nicht stattfindet. Und wir möchten Sie ausdrücklich und herzlich einladen, sich an diesem Diskurs zu beteiligen.

Die 10 Thesen im Überblick

Wie lassen sich jobrelevante Sozialkompetenzen wecken und stärken? Wie schulmüde Jugendliche erreichen? Nicht durch schulische Formate und kognitive Lernansätze, sondern durch praktisches Sich-Erarbeiten, stückweises Überwinden und Ausweiten  eigener Grenzen und emotionales Erleben eigener Stärken und Möglichkeiten. Nicht in schulischen Kontexten, sondern unternehmensnah und mit Lernorten, die auf den Ausbildungsalltag vorbereiten.

________________________________________________________________________________________

Warum ist Niedrigschwelligkeit ein Glaubenssatz in der Arbeit mit benachteiligten Jugendlichen? Wenn wir es ernst meinen, dass sie die ultimative Hürde – den erfolgreichen Start der Ausbildung – überwinden sollen, müssen wir sie im Hürdenlauf trainieren – sie fordern, sie am Meistern der realen Anforderungen der Ausbildung – und nicht mit realitätsfernen Lernerfolgen – wachsen lassen. Hilfe darf nicht zu Entmündigung werden, sondern zur Befähigung, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen.

________________________________________________________________________________________

Warum liegt der Fokus viel öfter darauf, Jugendliche dort abzuholen, wo sie sind – mit Kickern, Boxen und Jugendclub-Ambiente –, statt sie darauf vorzubereiten, wo sie hinwollen? Wie kann es gelingen, Arbeitsintegration vom Ziel und nicht vom Ausgangspunkt her zu denken?
Im JOBLINGE-Kulturprogramm werden die Teilnehmer auf neues Terrain und aus ihrer Komfortzone gelockt - und sie erarbeiten sich darüber  Selbstbewusstsein und ein Bewusstsein für die eigenen Stärken und Schwächen.  

________________________________________________________________________________________


Wie lässt sich sektorübergreifendes Engagement langfristig und effektiv organisieren? Wir sind überzeugt: Indem gemeinnützige Initiativen sich nicht als Charity und Bittsteller, sondern als Partner und Anbieter von Win-win-Lösungen verstehen. Dafür muss man die Bedarfe aller Beteiligten verstehen und mit gebündelten Kompetenzen Lösungen entwickeln – gemeinsam.

________________________________________________________________________________________

Wie können wir mehr Engagement mobilisieren? Wie für diejenigen attraktiv sein, deren professionelle Expertise besonders wichtig wäre – und deren Verfügbarkeit gering ist? Mit einem klaren Rahmen (inkl. Anfang und Ende des Engagements), Rollenverständnis, Abgrenzung und Zielsetzung wird Ehrenamt nicht nur zielgerichteter (z. B. bei JOBLINGE die Ausbildung), sondern auch befriedigender für die Ehrenamtlichen. Professionelle Vorbereitung und Begleitung sind wesentliche Erfolgsfaktoren.

________________________________________________________________________________________

Wie können wir die Zielgruppe der JOBLINGE für den Arbeitsmarkt erschließen? Wie können wir ihre Talente erkennen und entwickeln? Nicht, indem wir sie durch das Schema aussieben, in dem sie scheitern müssen, sondern indem wir uns trauen, den Prozess umzudrehen: Zuerst das persönliche Kennenlernen in der Praxis – dann die Papierform.
So sind über 70 % der Joblinge erfolgreich. Umgekehrt sind 100 % aussortiert worden.

________________________________________________________________________________________

Wie können die dynamischen Entwicklungen des Arbeitsmarktes – wie beispielsweise die Digitalisierung – in innovative Lösungen für die Gruppe der sozial benachteiligten Jugendlichen übersetzt werden? Wie entstehen neue Ansätze und Partnerschaften? Wir sind überzeugt: Nur durch enge Zusammenarbeit mit den Teilnehmern, Arbeitgebern und Partnern – dezentral und praxisnah, nicht zentralisiert. Keine unserer bisherigen Innovationen (von Mentoring über Mint und Kompass bis zu Steilpass) war Gegenstand einer Ausschreibung, in der fixe Konzeptinhalte eingefordert werden.

________________________________________________________________________________________

Wieso setzen Steuerung und Finanzierung von Maßnahmen durch die Öffentliche Hand immer noch Anreize, Arbeitslose länger „im System“ zu halten, statt sie nachhaltig zu vermitteln? Wieso steht nicht die nachhaltige Integration im Vordergrund von Qualitätsvorgaben und Kostenvergleichen, sondern die Bereitstellung von Betreuungsplätzen? Wir sind überzeugt, dass ein Wechsel von Input- zu Impact-Größen zu mehr Effektivität im Übergangssystem führen würde.

________________________________________________________________________________________

Warum ist das Übergangssystem – trotz der guten Messbarkeit von Vermittlungen und deren Nachhaltigkeit – so intransparent? Warum ist es immer noch akzeptiert, mit Parolen wie „Erst der Mensch, dann die Zahl“ die Frage nach der Wirksamkeit von Programmen in den Hintergrund zu rücken? Wir glauben, dass ein gemeinsamer Standard zur Messung der Wirkung von Programmen nötig und möglich ist – und die Voraussetzung für faktenbasiertes Voneinander-Lernen und Weiterentwickeln der Konzepte darstellt. 

________________________________________________________________________________________

Ist das Konzept Social Business, bei dem der Hilfsempfänger zum Beitragsleistenden entwickelt wird, im Sozialstaat überflüssig? Wir glauben, dass gerade dort, wo der Sozialstaat noch keine befriedigenden Lösungen generiert, wo innovative, unternehmerische Ansätze zum Erreichen eines sozialen Ziels gefragt sind, das Social-Business-Konzept einen entscheidenden Beitrag leisten kann – und gleichzeitig ein dringend erforderliches nachhaltiges Finanzierungsmodell für gemeinnützige Initiativen bietet. 

Bei Fragen senden Sie bitte eine E-Mail an 10jahre@joblinge.de.