Interview mit Rüdiger Kortmann - Mentor seit der ersten Stunde

Rüdiger Kortmann ist hauptberuflich für Nokia - Alcatel-Lucent Deutschland AG in Stuttgart tätig. Nebenher engagiert er sich ehrenamtlich als Mentor bei JOBLINGE. Kein anderer Mentor in Stuttgart hat bisher so viele Mentees betreut wie er. Wir sprachen mit ihm über Freizeit und Ehrenamt, den persönlichen Nutzen des Mentorings und die Bedeutung für die Integration von Geflüchteten.


Herr Kortmann, Sie sind in Stuttgart Mentor der ersten Stunde, und haben seit Gründung der gAG im Jahr 2014 mehrere Joblinge betreut. Können Sie uns berichten, wie Sie zum Mentoring gekommen sind?
Mit der Gründung der gAG haben die JOBLINGE in Stuttgart angefangen ein Netzwerk von Sponsoren aufzubauen und sind dabei auch an den Personalvorstand unserer Firma Alcatel Lucent herangetreten. Der war vom Ansatz der JOBLINGE und der Idee des Mentoring so angetan, dass er seine Führungskräfte zu einer Informationsveranstaltung eingeladen hat, in der das Konzept des Mentorings vorgestellt wurde. Das hat nun wiederum  mich so begeistert, dass ich mich zum Mentorentraining angemeldet habe und dann kurz danach auch meine erste JOBLINGE Teilnehmerin als Mentor übernommen habe. Aus der Tatsache, dass ich bis heute aktiv dabei bin, können Sie sehen, dass das für mich ein sehr sinnvolles und gutes soziales Engagement ist. Als Führungskraft in der Industrie ist der Fokus erfolgs- und wertschöpfungsorientiert. Als Mentor bei den JOBLINGEn zu helfen erlaubt mir, meine Fähigkeiten und Erfahrungen auch für andere Zwecke einzusetzen und Menschen in weniger glücklichen Situationen aktiv zu begleiten auf ihrem Weg ihr nächstes Ziel zu erreichen und ihre Situation zu verbessern.

Wie viele Joblinge haben Sie bisher betreut und haben alle Mentees das Mentoring gleichermaßen annehmen können?
Im Augenblick betreue ich meinen sechsten Mentee. Die drei ersten waren aus dem JOBLINGE Klassik-Programm. Seit es das Kompass-Programm für junge Geflüchtete gibt, habe ich drei Teilnehmer aus diesem Programm unterstützt. Die Mentees gehen natürlich individuell unterschiedlich mit dem Mentoring und auch mit dem Mentor um. Am Anfang muss man als Mentor ein bisschen Zeit und Geduld investieren, um eine Beziehung zum Mentee aufzubauen und Vertrauen zu schaffen. Diese jungen Menschen haben oft einfach nicht die besten Erfahrungen mit Institutionen und ihren Vertretern oder auch Erwachsenen im Allgemeinen gemacht. Bei den Teilnehmern aus dem Kompass Programm ist das meiner Erfahrung nach einfacher, da sie einfach gerne jede Hilfe annehmen die sie kriegen können. Dabei kann es natürlich stattdessen eine Sprachbarriere geben - auch da ist dann einfach Geduld gefragt.

Mit welcher Haltung sind Sie an das Mentoring herangetreten, hatten Sie eine besondere Strategie mit den Joblingen in Beziehung zu treten bzw. zu arbeiten?
Am Anfang hatte ich offen gestanden ziemlichen Respekt vor dieser Aufgabe, da die Mentees ja aus einer ganz anderen Lebenswirklichkeit kommen als ich selbst. Bildlich gesprochen stehen sie am Rand und ich selbst (und wohl alle Mentoren) ziemlich in der Mitte dieser Gesellschaft. Einkommen, Erfolg, sozialer Status, Teilnahme am kulturellen Leben etc. sind vielleicht Gradmesser für diesen Unterschied. Mein Ansatz diese Distanz zu überwinden war eigentlich immer gleich, neugierig auf die Mentees sein, respektvoll, freundlich und zugewandt mit ihnen umgehen, sie in ihrer Lebenswirklichkeit erstmal akzeptieren bevor man sich gemeinsam an Veränderungen versucht. Und das ist es auch was ich von den Mentees erwarte - und ihnen das auch sage - respektvoller und freundlicher Umgang miteinander. Wobei ich Respekt hier in keinster Weise hierarchisch oder als oben-unten meine. Es geht beispielsweise einfach darum einen vereinbarten Termin auch einzuhalten oder eine zugesagte Aufgabe zu erledigen oder eben rechtzeitig abzusagen wenn doch was dazwischen kommt. Also sich gegenseitig zu respektieren.

Was denken Sie, konnten Sie Ihren Schützlingen mit auf den Weg geben und haben Sie auch für sich „Gewinne“ erzielen können? In wie fern hat das Mentoring Ihnen „etwas gebracht“?
Wenn ich an meine bisherigen Mentees denke, waren es wohl ziemlich unterschiedlich Dinge die ich mitgeben konnte - oder die sie annehmen konnten. Kummerkastenonkel wenn sie jemanden zum reden und schimpfen brauchen, Motivator wenn sie einen Durchhänger haben, Lehrer wenn sie nicht wissen wie etwas geht oder heisst, Schulter zum Festhalten wenn sie etwas Neues wagen, gemeinsam etwas unternehmen (z.B. Sport oder Kultur) … Das und noch viel mehr kann vorkommen bzw. ist bei mir schon vorgekommen, ist aber individuell sehr unterschiedlich und hängt natürlich auch davon ab was der Mentor tun kann und will. Für mich persönlich ist jeder neue Mentee eine neue Erfahrung. In diesem Sinne lerne ich von den Mentees. Ihre Realität und wie sie meine wahrnehmen ist spannend und gibt mir neue Perspektiven. Und nicht zuletzt natürlich das Erfolgserlebnis, wenn der Mentee eine Ausbildungsstelle gefunden hat - das fühlt sich wirklich toll an!

Eignet sich das JOBLINGE-Mentoring aus Ihrer Sicht als Personalentwicklungstool in Unternehmen? Wenn ja, warum und für welche Zielgruppe?
Ja, das denke ich schon. Neue Perspektiven zuzulassen, sich mit Menschen aus einem anderen Kontext einzulassen, helfen, motivieren, gemeinsam Ziele erreichen sind alles Stichworte die Sie auch in Seminaren für Führungskräfte hören werden - und Fähigkeiten die Sie im beruflichen Umfeld im Umgang mit Mitarbeitern und Kollegen aber auch mit Kunden brauchen. Insofern denke ich, dass der Einsatz als Mentor bei den JOBLINGEN für Mitarbeiter mit Führungsaufgaben oder Kundenkontakt eine Chance ist diese Fähigkeiten außerhalb des beruflichen oder Unternehmenskontextes weiterzuentwickeln.

Inwiefern lassen sich, Ihrer Erfahrung nach, die JOBLINGE-Programme Klassik und Kompass hinsichtlich des Mentorings unterscheiden?
Bei meinen Mentees aus dem Klassik-Programm war es für mich etwas schwieriger am Anfang eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen, als bei den Teilnehmern im Kompass-Programm. Da musste ich mehr Geduld haben um die „harte Schale“ der hier sozialisierten Jugendlichen zu überwinden. Meine Mentees aus dem Kompass-Programm haben es mir da deutlich leichter gemacht. Dafür wurde ich von den Kompass-Teilnehmern deutlich mehr gefordert was Dinge anbelangt die für uns alltäglich sind, für jemanden aus Eritrea oder Syrien aber völlig fremd und damit unverständlich. Die unterschiedliche Kultur oder Sozialisierung spielt einfach eine wichtige Rolle im täglichen Zusammenleben, auch wenn uns das meist nicht so bewusst ist.

Wie gelang es Ihnen Ihren Beruf, Ihre Freizeit und Ihr Ehrenamt zu vereinen? Haben Sie Tipps für neue Mentoren?
Beruf und Ehrenamt zu vereinbaren fand ich immer relativ einfach, sobald ich die Mentees zu mir ins Büro (oder ein Besprechungszimmer) einladen konnte. Am Anfang trifft man sich ja eher auf neutralem Boden aber irgendwann ist es für den Mentee natürlich auch spannend den Mentor in seinem Arbeitsumfeld zu erleben. In diesen Phasen war „Treffen mit Mentee“ einfach ein Punkt in meinem Wochenplan. Wenn der Arbeitsplatz (und Arbeitgeber) das erlauben, kann ich nur empfehlen den Mentee dorthin einzuladen. Spart dem Mentor Fahrzeit und ist für den Mentee ein Einblick in die Arbeitswelt. Freizeit und Ehrenamt habe ich nie so richtig unterschieden. Im Idealfall sind die Mentees Menschen mit denen ich Zeit verbringen möchte - wir waren dann in Einzelfällen auch schon zusammen einkaufen oder im modernen Ballett.

Gibt es Momente, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind? (Missverständnisse, Überraschungen, Glücksmomente?)
Oh ja, von allem etwas. Mein größtes Missverständnis gab es mit einem Mentee, für den jeder Konflikt mit Beziehungsabbruch endete (da ich das wusste, hatten wir also die Phase Vertrauen aufbauen schon hinter uns). Eines Tages hat die junge Frau nicht mehr auf meine Anrufe oder Nachrichten reagiert und ich habe mich gefragt welcher unserer Dispute das wohl ausgelöst hat. Tatsächlich war alles ganz anders, sie hatte einen Mobilfunkvertrag abgeschlossen, wo es ein gutes Smartphone dazu gab, dann aber irgendwann die monatlichen Raten nicht bezahlt, sodass der Provider die Nummer gesperrt hat - kein Beziehungsabbruch sondern „nur“ ein Kreditproblem. Besondere Glücksmomente erlebe ich immer dann, wenn ein Mentee mir voller Stolz einen unterschriebenen Ausbildungsvertrag zeigt.

Wissen Sie, was aus ihren Mentees geworden ist? Stehen Sie noch in Kontakt zu dem einen oder anderen?
Bei den meisten weiss ich was sie jetzt machen, die Kontakte sind aber eher sporadisch oder im Laufe der Zeit eingeschlafen. Eine Ausnahme ist ein ehemaliger Teilnehmer aus dem Kompass-Programm, wir treffen uns immer noch regelmäßig alle paar Wochen.

Welche Empfehlungen geben Sie neuen Mentoren? Gibt es Do’s und Don’ts im Mentoring, die Sie anderen mit auf den Weg geben können?
Neugierig sein und sich auf den jungen Menschen einlassen gehört sicher zu den Do’s, ebenso wie zuhören bevor man Ratschläge erteilt. Ansonsten liegt es am Mentor für sich zu entscheiden wieviel und was man tun kann und will. Don’ts sind aus meiner Sicht eher „Verhandlungssache“ zwischen Mentor und Mentee. Ich habe von meiner Seite bisher keine Tabus errichtet über die ich nicht sprechen möchte, aber so etwas von den Mentees schon erlebt. Zum Beispiel über ihre Fluchterfahrungen wollte noch keiner meiner Kompass-Mentees  mit mir sprechen - und das respektiere ich natürlich, zumal ich bei Traumata ja auch nicht helfen könnte.

Unterscheidet sich das Mentoring bei JOBLINGE Ihrer Meinung nach vom Engagement in anderen Organisationen? Wenn ja, wie?
In zwei Dingen ist das Engagement bei den JOBLINGEn für mich anders - und besser - als bei anderen Organisationen die ich kenne. Zum einen die Mischung und die tolle Zusammenarbeit zwischen hauptamtlichen JOBLINGE- Mitarbeitern und ehrenamtlichen wie mich. Das beginnt mit Mentorenschulung und Handbuch und geht weiter mit der Möglichkeit immer einen Ansprechpartner zu haben, wenn es mal nicht weiter geht. Zum anderen die Erfolgsquote und die Nachhaltigkeit die im Vergleich zu anderen Arbeitsmarkt-Maßnahmen einfach phänomenal hoch ist (und man damit als Mentor auch oft den Erfolg des Engagements erlebt).

Was Sie sonst noch loswerden möchten:
Vielleicht noch ein Wort speziell zum Kompass-Programm. Es wird viel über Integration gesprochen und wie schwierig das ist. Das Kompass-Programm ist für mich ein tolles Beispiel wie Integration gelingen kann. Einen Job finden, eine Ausbildung machen, auf eigenen Füßen stehen, statt Transferleistungen zu erhalten, das sind alles ganz wichtige Elemente damit Integration gelingen kann. Und für mich als Mentor war es auch ein wichtiger Schritt Integration nicht nur als die Aufgabe von Anderen zu sehen, sondern auf die Menschen zuzugehen und aktiv zu helfen - in einem definierten Rahmen und mit klaren Zielen.