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JOBLINGE im ZDF: Corona verschärft Azubi-Mangel

30.06.2021 |

Das Ausbildungsjahr 2021/2022 steht vor der Tür und immer noch suchen sowohl Jugendliche, als auch Unternehmen. Die einen nach Ausbildungsplätzen, die anderen nach motivierten Fachkräften. Warum die Situation gerade für Jugendliche mit schweren Startbedingungen schwierig ist, konnte Raphael Karrasch, Regionalleiter der JOBLINGE gemeinnützige Aktiengesellschaft Ruhr, im ZDF Magazin „Volle Kanne“ erklären.  Die vollständige Sendung finden Sie noch bis zum 31.01.2022 in der Mediathek des ZDF. Der Beitrag „Corona verschärft den Azubi-Mangel“ startet ab Minute 3:19. Die vorbereitenden Fragen und Antworten auf die Sendung zeigen gut, vor welche Herausforderungen Corona uns gerade jetzt stellt.

Azubis und Unternehmen zusammenzubringen ist auch in „normalen Zeiten“ nicht immer einfach, aber was macht die Corona-Pandemie jetzt für einen Unterschied?

Das Problem ist, dass die „Marktplätze“ für das Zusammenkommen von ausbildenden Unternehmen und Ausbildungssuchenden gefehlt haben. Damit meine ich, dass Unternehmensvorstellungen, Ausbildungsmessen und Praktika extrem stark eingeschränkt waren und auch immer noch sind. Genau hier kommen Unternehmen und Jugendliche in der Regel zusammen und können sich kennenlernen. Wir haben zwar als JOBLINGE-Initiative bereits im vergangenen Sommer unsere erste von mittlerweile sechs digitalen Ausbildungsmessen veranstaltet, doch bräuchte es hier wesentlich flächendeckendere Lösungen. Das größte Problem sind aber in der Tat die eingeschränkten Möglichkeiten von Praktika, in denen Jugendliche den Betrieb und den Beruf kennenlernen – das ist die Basis für eine nachhaltige Berufsentscheidung.

Viele Unternehmen können momentan ihre Lehrstellen nicht besetzen, welche Branchen betrifft das, was raten Sie den Unternehmen?

Zum einen betrifft das sicherlich genau die Branchen, die am meisten unter der Pandemie zu leiden hatten. Gastronomie, Hotellerie, Tourismus und Veranstaltungsgewerbe. Aber es gibt natürlich auch die Branchen, die bereits vorher Probleme hatten Auszubildende zu finden, insbesondere im Handwerk. Hier ist es meines Erachtens wichtig, eine zielgruppengerechtere Ansprache zu initiieren. Wir arbeiten in unserem Programm immer mit Vorbildern, die sehr authentisch über die tollen Möglichkeiten in ihren Berufen berichten. Und da das mit den persönlichen Begegnungen noch immer eingeschränkt geht, müssen wir dahin gehen, wo sich die Jugendlichen aufhalten – in die sozialen Netzwerke. Mit den richtigen Kampagnen können wir sicherlich viele junge Menschen für das Handwerk oder auch weitere systemrelevante Berufe begeistern und nachhaltige Perspektiven aufzeigen. Mein Rat an die Unternehmen: Bieten sie Praktika an und öffnen sie sich für einen Ausbildungsstart bis tief in den November/Dezember – geben sie sich und auch den Jugendlichen die Zeit.  

Viele Schulabgänger aus dem letzten Jahr konnten immer noch keine Lehrstelle finden, wie kollidieren diese dann mit den aktuellen Schulabgängern, die auf Lehrstellensuche sind?

Das ist in der Tat ein Problem, vor allem wenn man zusätzlich auch noch den Rückgang des Ausbildungsangebotes in diesem Jahr betrachtet (lt. Bertelsmannstiftung bis zu -60.000). Hier werden insbesondere die jungen Menschen auf der Strecke bleiben, die nicht die besten Schulabschlüsse haben und über kein Netzwerk, über kein „Vitamin B“ verfügen. Also genau diejenigen, die bereits vor der Krise vermeintlich abgehängt waren und die sich oftmals nur über ein Praktikum mit ihren vorhandenen Skills beweisen mussten. Doch genau das ist aber aufgrund der angespannten Praktikumssituation maximal erschwert.

Wie können, wie sollen Lehrstellensuchende am besten vorgehen, wie ist die beste Heransgehenweise auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz?

Die Kernfrage ist hier nicht der Ausbildungsplatz selber, sondern ob die Jugendlichen eine fundierte und realistische Berufsentscheidung getroffen haben. Ist dies der Fall, reicht es in der Regel, sich beim Erstellen der Bewerbungen Hilfe zu holen. Wenn die Berufswahl allerdings noch nicht so sehr klar oder gar völlig unrealistisch ist, sollten sich junge Menschen Unterstützung holen. Projekte im sogenannten Übergangssystem wie JOBLINGE sind hier ganz wichtig. Solche Projekte unterstützen in solchen Situationen sehr und es gibt sie in jeder Stadt. Und auch wenn es Jugendlichen manchmal schwerfällt: Eltern, Lehrer, Verwandte, Nachbarn, Trainer im Sportverein und ganz wichtig natürlich die Berufsberatung können helfen.

Viele junge Menschen sind frustriert, weil sie auf Bewerbungen, mit denen jedes Mal große Hoffnung verbunden ist, nicht einmal eine Antwort bekommen. Wie sollen Jugendliche damit umgehen, können sie begründete Absagen einfordern?

Das mit den begründeten Absagen ist natürlich immer so eine Sache, da die Unternehmen dazu natürlich nicht verpflichtet sind. Hier kann ich immer nur sagen: Nur wer fragt, kann auch eine Antwort bekommen. Im Falle unseres Projektes geht sowas natürlich wesentlich einfacher, da wir zu unseren Partnerunternehmen einen engen Kontakt pflegen und unmittelbar eine Antwort erhalten. Die kleine Formel lautet hier aber: Bewerbungsunterlagen gegenchecken lassen, Branche und Unternehmen kennen und das Vorstellungsgespräch vorher mit einem Coach üben. So machen es Jugendliche bei uns zum Beispiel mit ehrenamtlichen Mentor*innen.

Wie sollen sich Jugendliche verhalten, wenn sie eine Lehrstelle angeboten bekommen, das Unternehmen aber mit der Corona-Krise argumentiert, um möglichst geringe Geldleistungen zu zahlen? Kann man mehr Geld als Azubi einfordern, ohne eine Absage zu riskieren?

Auch Ausbildungsentgelte sind tariflich festgelegt und da Auszubildende weitestgehend von Kurzarbeit ausgeschlossen sind, gibt es hierfür keine wirkliche Grundlage. Mir ist ein solcher Fall bis dato noch nicht untergekommen, aber in so einem Fall sollte man die zuständige Kammer ansprechen.

Wer kann den Jugendlichen helfen den gewünschten Ausbildungsplatz zu ergattern, was sind Anlaufstellen bei Problemen?

Im Grunde müssen sich die Jugendlichen selbst helfen und aktiv sein. Wir erleben aktuell in der Tat viele junge Menschen, die sich ein stückweit aufgegeben und zurückgezogen haben. Ich halte es für unsere gesellschaftliche Pflicht, möglichst jeden Jugendlichen zu aktivieren. Das geht natürlich durch die Ansprachen, wie bereits erwähnt auch in den sozialen Netzwerken, aber zuallererst natürlich über die Berufsberatungen der Bundesagentur für Arbeit und die Jobcenter, die seit einiger Zeit auch wieder in den Modus der Präsenzberatung übergehen. Sollte es nicht direkt mit einer Vermittlung klappen, stehen Projekte wie JOBLINGE parat, die jungen Menschen bei der Perspektiventwicklung unterstützen. Auch hier: Einfach anrufen und fragen…wir brauchen nämlich jeden Jugendlichen – nach Corona ist vor dem Fachkräftemangel!