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„JOBLINGE bleibt mir ein Herzensanliegen“

15.12.2021 | Dachorganisation

Das Jahr 2021 war geprägt von Veränderungen. Nicht nur gesellschaftlich, sondern auch ganz persönlich bei JOBLINGE: Wir verabschieden uns schweren Herzens von unserer Vorständin und Mitgründerin Ulrike Garanin. Zum Abschied verrät sie uns, was sie von den Teilnehmenden gelernt hat, was sie am meisten vermissen wird bei JOBLINGE und natürlich, welche Pläne sie für 2022 schmiedet.

Erinnerst du dich noch an den Start von JOBLINGE? Welche Vision hattest du damals?
Ulrike Garanin: Meine – vielmehr unsere – Vision war und ist es, für jede*n Jugendliche*n eine berufliche Zukunft zu schaffen – unabhängig von Herkunft, Bildung und sozialem Hintergrund. Dass wir nicht akzeptieren, dass es Jugendliche gibt, die abgehängt werden. Und dass wir die Hürden auf dem Weg dahin, die wir als Gesellschaft selbst aufgebaut haben, gemeinsam wieder abreißen.

Hat sich deine Vision bewahrheitet / erfüllt?
Ja, was „unsere“ Jugendlichen angeht, hat sie das. Und das macht mich unglaublich glücklich! Erfüllt haben diese Vision an erster Stelle unsere Teilnehmenden selbst. Es verlangt mir immer wieder größten Respekt ab, wenn ich sehe, wie Jugendliche – oft widrigsten Umständen zum Trotz – ihren Weg in die Ausbildung meistern.

Aber natürlich gehört dazu auch ein anderer Teil, der anfangs eher Vision als Wirklichkeit war: die zielgerichtete Unterstützung und enge Zusammenarbeit über Sektoren hinweg. Mittlerweile dürfen wir auf das überwältigende gemeinsame – und krisenfeste! – Engagement von über 2.400 Partnerunternehmen, von über 50 Partnern der Öffentlichen Hand, über 30 Stiftungen und sozialen Innovationstreibern, von 50 Kultur- und Sporteinrichtungen und über 3.000 Ehrenamtlichen blicken. Hier zeigt sich täglich wieder, wie es gelingen kann, vorher unüberwindbare Hürden in der konkreten Zusammenarbeit zu meistern.

Aber dass wir diese Hürden auf System-Ebene in unserer Gesellschaft abgebaut hätten – das können wir uns leider (noch) nicht attestieren. Nach wie vor gibt es große und durch Corona noch größere Hürden für viele Kinder und Jugendliche. Es ist immer noch ein „trotzdem“ in den Erfolgen unserer Teilnehmenden. Aber dass diese Erfolge über 12.000-mal möglich geworden sind, gibt Hoffnung – und zumindest die Strahlkraft auf Systemebene ist uns oft bestätigt worden.

Was hat sich bei JOBLINGE in den letzten 13 Jahren am meisten verändert?
Mit dem Arbeitsmarkt haben sich auch die Rahmenbedingungen für unsere Arbeit stark verändert: Wir sind mitten in der Finanzkrise gestartet. Jugendarbeitslosigkeit war auch in Deutschland deutlich spürbar.
Heute sehen 75 Prozent der Unternehmen Fachkräfte- und Bewerber*innenmangel als eines ihrer zentralen Probleme und die formalen Rekrutierungsanforderungen sind entsprechend angepasst worden. Gleichzeitig ist die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland in Summe deutlich zurück gegangen.

Tatsächlich ändert das aber wenig am Unterstützungsbedarf unserer Zielgruppe – den langzeitarbeitslosen, geringqualifizierten Jugendlichen. Deren Herausforderungen lösen sich nicht durch Arbeitsmarktkonjunktur oder Fachkräftemangel von selbst. Ihre Anzahl ist kaum gesunken und sie benötigen nach wie vor intensive und individuelle Unterstützung.

Trotzdem haben sich für uns aus diesen Entwicklungen neue Schwerpunkte ergeben: Wir sind viel stärker selbst in der Ansprache und Erstmotivation unserer Jugendlichen, aber auch in der Ausbildungsbegleitung engagiert.

Und in der Organisation selbst?

Wir sind als Initiative vom kleinen Startup auf die Größe eines mittelständischen Unternehmens gewachsen. Das geht nicht ohne Prozesse, Tools, Infrastruktur und Standards. Ohne ein gemeinsames Qualitätsverständnis und einen klar definierten pädagogischen Ansatz. Aber die größte Kunst ist es, die Agilität, die unternehmerischen Ideen, die Impulse und Begeisterung der anfänglichen Start-up-Kultur lebendig zu halten. Das ist keine leichte und vielleicht nie eine abgeschlossene Entwicklung – aber eine, die ich mit Blick auf das großartige bundesweite Team optimistisch sehe.

Was hast du von den Teilnehmenden gelernt?
Zuallererst haben sie mich Demut gelehrt: Wir haben so viele Jugendliche im Programm, die größten Respekt verdienen – und ihn nicht bekommen, weil das Raster, mit dem wir als Gesellschaft Erfolg messen, so eindimensional ist.

Aber ich habe auch gelernt, dass eines der größten Hindernisse auf dem eigenen Weg darin besteht, für das eigene Schicksal – egal, wie schwierig die äußeren Umstände es machen – nicht selbst die Verantwortung zu übernehmen. Und ich durfte erleben, dass im tiefsten Inneren vieler Jugendlicher ein Kern ist, der in erstaunlich schneller Zeit aufblühen und wachsen kann.

Aber es gibt auch eine ganze Reihe praktischer Dinge, die ich von unseren Jugendlichen gelernt habe, ohne jemals ihre Virtuosität erreicht zu haben: Wie entwaffnend ehrliche Fragen sind, die die meisten von uns sich nicht zu stellen trauen oder das schier unerschöpfliche Spektrum kreativer Ausreden…

Was planst du beruflich „nach JOBLINGE“ – welche Projekte stehen für dich an?
Nach 13 Jahren beruflich ein neues Kapitel aufzuschlagen, noch mal etwas Neues zu wagen, wird gemeinhin als (über-)fällig angesehen. Bei mir ist der Entschluss aber vor allem inhaltlich getrieben: Mich treibt – wie so viele – das Thema Klimawandel extrem um. Nicht nur als die größte Bedrohung und Herausforderung, sondern als eine echte Chance für Lösungen, die uns und vor allem unseren Kindern einen hoffnungsvolleren Blick auf die Zukunft ermöglichen. Eine Zukunft in der Klima-Stabilität und Biodiversität nicht im Konflikt, sondern im Einklang mit Wachstum und global steigendem Wohlstand stehen. Die Dringlichkeit und das, was auf dem Spiel steht, sind so hoch, dass ich nicht nur fordern kann, dass andere sich dafür einsetzen. Ich möchte selbst etwas dazu beitragen.

Wirst du weiterhin mit JOBLINGE in Kontakt bleiben?
Natürlich! Auch wenn ich die Rolle als geschäftsführende Vorständin der Dachorganisation abgebe, bleiben mir JOBLINGE und die dortigen vielen mir sehr nahestehenden Menschen–ein Herzensanliegen. Ich freue mich darauf, die weitere Entwicklung der Initiative zu erleben und zu unterstützen. Ich durfte mich in den vergangenen Wochen davon überzeugen, wie großartig der Raum, den mein Wechsel aufmacht, von den Kolleg*innen gefüllt, bespielt und weiterentwickelt wird. Ich habe das große Glück, auf meinen Kollegen Kadim Tas zählen zu dürfen, der mit Haut und Haaren für die Jugendlichen und JOBLINGE brennt und ohne den viele erfolgreiche Entwicklungen der letzten Jahre gar nicht stattgefunden hätten. Gleichzeitig gibt es aber auch ein unglaublich engagiertes und fähiges Senior-Team und unsere Regionalleiter*innen, bei denen ich die Initiative in den allerbesten Händen weiß.  Ich empfinde es als ein großes Privileg „sorgenfrei“ und mit großer Dankbarkeit den Stab übergeben zu können.

Was wirst du am meisten vermissen?
Die Kolleg*innen, das unglaubliche JOBLINGE-Team, mit dem ich arbeiten durfte! Der Humor, die Begeisterung sich in Neues zu stürzen, die Unbedingtheit, mit der hinter der gemeinsamen Sache gestanden – und die Professionalität, mit der sie vorangetrieben wurde. Ich bin mir sehr bewusst, was für ein seltenes Privileg es ist, mit einer solchen Truppe zusammenarbeiten zu dürfen. Und ich bin unglaublich dankbar für all das Vertrauen, die harte Arbeit und die freundschaftliche Verbundenheit.