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„Ich konnte mir selbst dabei zuschauen, wie ich mich weiterentwickle“

07.07.2021 | Überregional

Julia Post ist Stadträtin der Landeshauptstadt München. Nach der Schule entschied sie sich zunächst für eine Ausbildung als Hotelfachfrau. Warum sie diesen Weg wählte, welche Erfahrung sie gemacht und Überraschungen sie erlebt hat, erzählt sie uns im Interview.

Wieso haben Sie sich damals nach dem Abitur für eine Ausbildung entschieden?

Ich wollte zügig mein eigenes Geld verdienen und unabhängig werden. Und ehrlich gesagt wollte ich nicht einfach wieder die Schul- beziehungsweise Uni-Bank drücken. Ich wollte mehr Praxis.

Wieso haben Sie sich für die Ausbildung als Hotelfachfrau entschieden?

Nach dem Abi hing ich eine Zeit lang in der Luft, weil meine ursprünglichen Pläne nicht geklappt hatten. Nach einer Weile war ich dann von diesem Stillstand etwas frustriert, so dass ich mich zu dieser Ausbildung entschlossen habe. Geholfen hat mir, dass viele gesagt haben, dass Hotelfach eine tolle Grundlage ist, weil man einige Abteilungen durchläuft und danach viele Wege einschlagen kann. Da ich neben der Schule schon länger in der Gastronomie gearbeitet hatte, wusste ich auch grob, worauf ich mich einlasse.

Wie hat Ihr Umfeld auf die Ausbildung reagiert?

Ich habe viel Unverständnis und Geringschätzung geerntet. Eine Situation, die dafür beispielhaft steht: In der S-Bahn bin ich während der Ausbildung einem ehemaligen Lehrer über den Weg gelaufen. Er fragte mich, ob ich da auch Klo putzen würde und lachte dabei laut auf. Das hat mich verletzt, denn man schuftet echt hart im Hotel und ich war verdammt stolz auf mich.

Wie haben Sie Ihre Zeit als Auszubildende empfunden?

Die Zeit als Auszubildende war herausfordernd – vor allem körperlich. Schichtdienst, auch mal zehn Tage am Stück arbeiten. Ich muss aber sagen: Ich bin in dieser Zeit auch richtig aufgeblüht und konnte mir selbst dabei zuschauen, wie ich mich weiterentwickle. Wenn man sich zum Beispiel mit der Zeit viel souveräner verhält oder einem Gast, der sich bitterböse beschwert, durch echtes Zuhören und auf ihn eingehen, wieder für sich und das Hotel gewinnen kann.

Was nehmen Sie mit?

Ganz viel Selbstvertrauen. Und das für alle Bereiche des Lebens. In der Politik habe ich heute praktisch täglich mit Anliegen von Bürger*innen zu tun. Auch hier geht es um echte Begegnung und darum, seine*n Gegenüber ernst zu nehmen. Hotel und Politik liegen auf den ersten Blick für viele sehr weit auseinander. Für mich nicht. Man stellt sich in den Dienst für das Wohlergehen von Menschen.

Wieso haben Sie sich nach der Ausbildung noch für ein Studium entschieden?

Ich habe mich nicht primär für ein Studium entschieden, sondern für das Thema. Politik hat mich von klein auf interessiert, war eine Leidenschaft von mir – da wollte ich einfach mehr drüber wissen.

Was würden Sie jungen Leuten raten, die noch nicht wissen, was sie beruflich machen sollen?

Egal ob Studium oder Ausbildung: Wenn du zu einem Thema eine echte Leidenschaft empfindest, dann folge diesem Ruf. Wenn du noch keine Leidenschaft entdeckt hast, würde ich mir mit Grundlagen wie einer kaufmännischen Ausbildung, Hotelfach oder BWL und Jura viele Türen offenhalten. Denn diese Fähigkeiten können später für jede Leidenschaft eingesetzt werden.

Wie kann Ausbildung gestärkt werden?

Einerseits müssen die Löhne in vielen Ausbildungsberufen rauf, denn Wertschätzung drückt sich in unserer Gesellschaft auch darüber aus. Andererseits müssen wir von diesem Schubladendenken wegkommen, was angeblich „höherwertig“ ist.
Jede*r sollte die Umgebung finden, wo er*sie sein*ihr Potenzial leben kann und das Glück findet.